1991 - Khanpur Familien Massaker

Nach 1984 folgte eine Zeit der ethnischen und religiösen Verfolgung der Sikhs im Punjab. Ziel waren hauptsächlich die getauften Sikhs (Amritdharis), als auch Sympathisanten der Sikh Widerstandskämpfer. In dem Zeitraum von 1984-1998 und darüber hinaus wurden Sikhs und ihre Familien Opfer von sogenannten Fake Encounters (gefälschte/fingierte Anklagen). Studien hierzu aus jahrelanger Forschung wurden u.a. von Ensaaf.org als auch bekannten Menschenrechtsorganisationen vorgelegt.

Eine dieser Familien, die Opfer von einem sogenannten Fake Encounter wurde, war die Familie von Bhai Bachan Singh aus dem Dorf Khanpur. Bhai Bachan Singh hatte drei Kinder: Joga Singh, Ranjit Singh und Madanjit Kaur. Bachan Singh's jüngerer Bruder lebte im Ausland, dessen Familie wohnte mit der Familie von Bachan Singh in Khanpur zusammen.

1988 erhielt die indische Polizei Informationen eines Informaten, dass sich einige Widerstandskämpfer in dem Dorf Khanpur aufhalten würden. Die Polizei umzingelte das Dorf, aber es waren dort keine Widerstandskämpfer anzufinden. Daraufhin wurde das Haus von Bhai Bachan Singh als ein Ziel gewählt.

Dies geschah auf der alleinigen Grundlage, dass er Amritdhari, ein getaufter Sikh war, der die fünf Glaubensartikel des Sikhglaubens trug. Die Polizei hatte keinerlei Beweise für ihre Anklage. Bachan Singh wurde festgenommen und ins Gefängnis gebracht, wo er mehrere Tage brutalst gefoltert wurde. Nach drei Monaten zahlte die Familie von Bachan Singh eine größere Summe Geld, um ihn wieder aus dem Gefängnis zu bekommen. Wenige Tage nach seiner Entlassung wurde er erneut inhaftiert und wieder gefoltert. Daraufhin hat der damalige Gemeinderat seine Entlassung erwirken können.

Die Wege der Polizei kreuzten sich mit denen der Widerstandskämpfer nahe des Dorfes Khanpur. Den Sikh-Freiheitskämpfern gelang die Flucht. Die Polizei folgte den Sikh-Kämpfer nicht. Stattdessen liessen sie ihre Wut an unschuldigen Menschen im Dorf aus. Sie suchten u.a. Bachan Singh erneut auf, der gerade damit beschäftigt war, seine Felder mit Dünger zu besprühen, und stellten ihm Fragen, ob er wisse, wo die Widerstandskämpfer seien etc.

Bachan Singh erklärte den Polizisten, dass er nichts von einem Zusammentreffen oder irgendwelchen Widerstandskämpfern im Dorf wisse. Er erklärte immer wieder, dass er mit seiner Feldarbeit beschäftigt sei, die Polizei hörte ihn jedoch nicht an. Bachan Singh's Turban wurde heruntergerissen und er wurde ins Dorf gebracht. Dort wurde er geschlagen und vor dem gesamten Dorf gedemütigt. Als Joga Singh, der älteste Sohn, Zeuge dieser Demütigungen und Misshandlungen seines Vaters wurde, entschied er sich, sein Zuhause für immer zu verlassen und der Freiheitsbewegung beizutreten.

Als dies bekannt wurde, erhöhte die Polizei den Druck auf Bachan Singh und seine Familie. Es war Routine bei der Polizei, die Familienmitglieder, Freunde und sogar Dorfnachbarn der Widerstandskämpfer zu foltern. In der Nacht vom 31. Mai 1991 stürmte die Polizei das Haus von Bachan Singh unter falschem Vorwand. Polizei Captain Phoola und seine Männer waren ebenfalls unter den Polizisten. Folgende Familien Mitglieder waren im Haus anwesend:

  • Bachan Singh (Vater) – 45 Jahre
  • Darshan Kaur (Mutter) – 40 Jahre
  • Harjinder Kaur (Tante) – 28 Jahre
  • Madanjit Kaur (Schwester) – 15 Jahre
  • Rajveer Kaur (Tochter von Harjinder Kaur) – 5 Jahre
  • Yaadwinder Singh (Sohn von Harjinder Kaur) – 3 Jahre
  • Gurjant Kaur (Tochter von Harjinder Kaur) – 10 Jahre

Augenzeugen berichteten, dass die Polizei zuerst alle Erwachsenen Familienmitglieder auf der Veranda fesselten und danach einen nach dem anderen erschoß, während sie dabei Alkohol tranken. Danach wurden die Kinder auf die gleiche Art und Weise erschossen. Die junge Rajveer Kaur bekam so grosse Angst, als sie das Blutbad ihrer Familie sah, dass sie in die Küche rannte, um sich zu verstecken. Die Polizisten folgten ihr und töteten sie mit mehreren Schüssen - direkt ins Gesicht. Danach setzte die Polizei ein gefälschtes Schreiben auf, in dem ein Widerstandskämpfer namens Balwinder Singh Shahpuri für die Ermordung der Familie verantwortlich gemacht wurde. Anschliessend wurde das Haus angezündet und die Polizei verließ den Ort.

Ranjit Singh, der jüngere Sohn von Bachan Singh, war nicht im Haus, während das Massaker verübt wurde. Er versteckte sich in dem Haus eines Nachbarn. Nachdem die Polizisten den Ort verliessen, liefen er und die Bewohner des Dorfes sofort zum Familienhaus und löschten das angehende Feuer. Als er sich um die Leichname seiner Familie kümmerte, fand er einen Brief, der von der Polizei zurückgelassen wurde. Nachdem Ranjit Singh ihn gelesen hatte, versteckte er den Brief. Am nächsten Morgen kam die Polizei zurück zum Haus, um die Morde aufzuklären.

Während die Polizei eine Durchsuchung des Hauses vornahm, fragte der Polizeiinspektor: "Wo ist der Brief?" Ranjit Singh fragte: "Welcher Brief?" Der Polizei Inspektor bemerkte seine Aussage und sagte: "Ich hatte hier eben jemand mit einem Brief in der Hand gesehen."

Die Polizei bezweckte zwei Ziele mit dieser Tat. Sie wollten Ranjit Singh davon überzeugen, dass seine Familie von dem Widerstandskämpfer Balwinder Singh Shahpuri ermordet wurde, was zum Resultat führen konnte, dass er den Tod seiner Familie an den Widerstandskämpfer rächen könnte und sich somit Sikhs gegenseitig töten würden. Nach der Einäscherung seiner Familie kam Balwinder Singh Shahpuri persönlich in das Dorf Khanpur, um die Polizei für die Ermordung unschuldiger Sikhs anzuklagen. Einige Tage später kam Bachan Singh's jüngster Bruder aus dem Ausland in den Punjab und nahm Ranjit Singh mit, er verliess Indien.

In der Presse und seitens der Polizei wurde der Widerstandskämpfer Balwinder Singh Shahpuri für die Morde verantwortlich gemacht, obwohl alle Dorfbewohner und Augenzeugen bezeugten, das dies nicht der Wahrheit entsprach. Das Haus von Bachan Singh liegt heute in Trümmern.